West-Berlin für den Osten | Julia Zange durchstreift Berlin
Wenn es einen Ort gibt, wo wohl die meisten Bambi-Preisträger früher einmal landeten, ist das die Paris Bar. In Mitte-Ohren klingt die Bar auf der Kantstraße schwer antiquiert. In den Westen kommt man ja auch nur, wenn mal zum Arzt muss, denn die sind in West-Berlin durchschnittlich vertrauenserweckender. Im Osten gerät man nämlich entweder an ehemalige DDR-Ärzte mit etwas rüden Methoden oder an Studienabgänger, die gerade ihre erste Praxis aufmachen – die Friedrichstraße mit den Meo-Kliniken und der aufblühenden ästhetischen Chirurgie ausgenommen. Zum Ku’Damm muss man auch nicht mehr seit der riesige ZARA-Store an der Ecke Friedrichstraße aufgemacht hat. Gerade dadurch, dass man nicht muss, hat West-Berlin sich im Vergleich zu Mitte eine ganz nonchalante Attitüde zugelegt. Dort leben immer noch die besser Verdienenden und die schöneren Gymnasiasten. Und sie müssen überhaupt nichts.
Die Paris Bar also, ist nicht mehr so hipp, sie wird mehr vom Glanz vergangener Nächte erhellt als von der Gegenwart. Und besaß bis vor kurzem ihr eigenes Spiegelbild für die Ewigkeit: Martin Kippenbergers Gemälde “Paris Bar”. Welches den Wandteppich an Ölgemälden wiedergibt, die sich nach Art der “alten Hängung” an den Wänden befinden. Es wurde gerade für einen astronomischen Preis versteigert. Die Kunstwerke fanden sich hier ganz intim zusammen. Während sie im Grill Royal so allein platziert sind, dass es nicht mal auffallen würde, wenn man eines mitnimmt. Letztens orderte ich in der Paris Bar mit einer Freundin ein Glas Leitungswasser. Der Kellner antwortete: “Mit Leitungswasser werden bei uns die Teller gewaschen.” Die müssen gar nichts.
Die Paris Bar gehört in den Dunstkreis des Savignyplatzes. Dort herrscht ebenfalls die leicht verschlafene Elégance eines Berlins in den 80er Jahren. Kleine Boutiquen, die von Charlottenburger Damen betreut werden, die auch gar nichts müssen.
Das Sinnbild verkörpert vielleicht eine solche mit Namen “Moosgrund Mode”: ein aufgeschnittener und polierter Baumstamm führt als Catwalk in den Laden, so ein marmoriertes Holz, das man in den 80ern in der Mercedes-Armatur fand.
Der Botanische Garten in Steglitz ist wie eine Wanderung in Pflanzenpoesie. Man braucht eigentlich nur die Schildchen zu lesen: Schneeglöckchenbaum (Halesia Carolina). Die Rasenflächen darf man zwar eigentlich nicht betreten, tut man es aber, findet man sich an Seen fremder Länder wieder. Der Straßenlärm hinter der Mauer ist nur noch Surren von unsichtbaren Heuschrecken.
Zurück am Ku’Damm kann man vom Gehweg aus Fische beobachten. Durch eine Fensterscheibe des Zoo Aquariums an der Budapester Straße, die von einem fremdartigen Hauch umweht ist, der sich vielleicht zurückführen lässt auf die Nähe der Botschaften.
Nicht weit: das Newton-Museum in der Jebensstraße. Die zwei auf Brusthöhe des Hauses angeordneten Quadrate bilden das Motto. Zwischen den Beinen, durch die Glastür, gelangt man hinein und bekommt dort mal die stolzen Newton-Ladys allein, mal zusammengeschüttelt mit anderen Fotografen der Magnum-Liga.
Am Wittenbergplatz wartet das KaDeWe, der Kaufhaushimmel. Charlottenburger Herren trinken im Dachgeschoss in der Lebensmittelabteilung am Samstagmorgen ganz ruhig einen Rosé-Champagner oder einen Riesling. Der touristische Trubel perlt an ihnen ab.
Sie müssen gar nichts.
Text: Julia Zange
Fotos: Julia Zange | shot with Nokia Nseries, processed with Poladroid
Author: BAMBIblog
eine wirklich ganz wunderbare beschreibung des ganzen. und ja, der westen hat schöne ecken und man kann da ganz wunderbar seine zeit verdrödeln.