Wunder-kammern | Julia Zange durchstreift Berlin
“Die Herkunft des Wortes ist dunkel.” (Grimms Wörterbuch)
Berlin selbst ist eine Wunderkammer. Und in der Wunderkammer befinden sich weitere kleine Wunderkammern. In der Kammer hat jemand Kuriositäten zusammengetragen, Gerät und Getier, zum Beispiel “eine vom blitz merkwürdig geschmolzene Waffe”, das was nicht unbedingt zueinander gehört, aber durch seine Fremdartigkeit oder Schönheit aufmerksam macht. Wunderkind nannte Wolfgang Joop sein Berlin verhaftetes Label. Wir wollen uns wundern. Immer wieder neu. Ein unbeschreibliches Gefühl von Lust, was da in dieser Kammer mit uns passiert. Körperlich. Die Ansicht löst einen ästhetischen Orgasmus aus.
Die Kunstwerke in den Galerien sind Wunderkammergut. Ein fliegendes ausgestopftes Eichhörnchen, ein Eichenwald. Das Vice-Magazin ist eine Wunderkammer. Die Style-Blogs. Jeder will seinen Körper zu einer Wunderkammer machen. Die Bilder-Blogs sind Wunderkammern.In der Mulack-Straße gibt es mehrere Wunderkammer-Läden. Starstyling, Der weiße Laden, Lala Berlin. Jeder Laden eine Ansammlung aus Pflanzen, Federn, Fossilien, Antiquitäten, Präparaten und Mode. Um Fotos muss man bitten, wie im Museum – denn die Besitzer sind stolz auf ihre einzigartigen Sammlungen.
Das Bühnenbild von MGMT war eine Wunderkammer. 032c Wunderkammer-Parties im Sommer. Schaufenster, Plakate, Florence & the Machine. Goldfrapp. Animal Collective. Tim Walkers Fotos. Wunderkammer ist das Wort der Stunde! Nur dass wir ein Wunderbild ansehen, gibt uns das Gefühl aufgehoben zu sein, darin.
Und wir dürfen drin sein, in Berlin. Hier werden nicht nur Wunderkammern produziert, sondern da die Dinge sich selbst überlassen sind, Läden, Häuser, Menschen wie in Formalin konserviert.
Mitten in Neukölln eröffnet sich ein arkadischer Park mit tropischen papageienroten Blüten in Amphoren und feinen Rasenflächen, auf denen versonnen Neuköllner Kinder sitzen und ihre Chipskrümel unauffällig verreiben. Über der Stadt schwebt ein WELT-Ballon, wie auf einer alten Zeichnung ein futuristisches Flugobjekt. Alt und vergessen aber noch gar nicht gelebt.
Man findet plötzlich einen Bärenzwinger, türkisblau versenkt neben einem Spielplatz im Märkischen Viertel, hinter einer Kirche mit Scherenschnittzinnen in der mittlerweile ein Museum eingezogen ist. Die ersten Bären des Zwingers fielen im 2. Weltkrieg. Der Bär als Wappentier geht auf das Jahr 1280 zurück, als es in den sumpfigen Wäldern Berlins tatsächlich Braunbären gegeben haben soll.
Fast direkt hinter dem massiven New-Art-Déco-ALEXA am Alexanderplatz steht unbemerkt eine hellrote gotische Klosterruine, deren Spitzbogenfenster den Fernsehturm einrahmen. Vor über hundert Jahren war dort ein Gymnasium untergebracht. In den Giebel der Turnhalle waren bockspringende Bären als Steinrelief eingelassen.
Das monströse sowjetische Ehrenmal im Treptower Park lässt einen erschaudern.
In einem Schöneberger Lehrmittel-Laden verbirgt sich ein Schmetterlingskabinett, in dem man für 9 Euro eine Tüte hübscher Motten kaufen kann und für dreißig Euro einen stahlblauen Falter. Eine wunderbare Menge an Antiquariaten in den Straßen (zum Beispiel Seidel & Richter an der Fischerinsel).
In einem kaufte ich letztens Erich Fromm “Haben oder Sein”, einen vollkommen antiquierten Autoren.
Er stellt fest, dass eine Sprache, die von Nomen dominiert wird auf eine Kultur des Habens hinweist.
Wunderkammer ist Nomen-Sammeln, Orte, Dinge, Menschen.
Text > Julia Zange
Fotos > Julia Zange | shot with Nokia Nseries, processed with Poladroid
Author: BAMBIblog