Gangs and Animals – Leben auf der Straße
Das Leben auf der Straße entscheidet sich durch zugelassene Unentschiedenheit, man darf sich den äußeren Einflüssen übergeben, während innerhalb des Hauses fast nichts Unvorhersehbares passiert.
Man kann zwei Arten des Straßenlebens unterscheiden, das der fremden und der bekannten Straßen. Auf ersteren ist das Potential des Unvorhersehbaren enorm vergößert. Die bekannte Straße gleicht eher einem Dorfplatz. Menschen, die in der Linienstraße wohnen, wissen das. Oder am Kottbusser Tor, wo auch immer die gleichen Gestalten aufeinander treffen. Man gibt kein Versprechen ab, aber wird irgendwie immer von jemandem erwartet. Das entspräche auch dem kollektiven Gangleben.
Die fremden Straßen müssen keine Straßen sein. Das Straßenleben präsentiert sich auch in Bibliotheken oder bei Dussmann, nachts.
Letztens strich ich Samstagnacht zwischen elf und zwölf im Kulturkaufhaus herum, ich hatte schlechte Laune und fühlte mich nur fähig, wenn überhaupt, mit einem Fremden zu reden. Es fügte sich so, dass ich in ein Komplott geriet und mit drei Menschen Gespräche begann, die jedoch alle unter einer Decke steckten, und von einem amerikansichen Guru entsendet waren, der ihnen die Kunst der Ansprache vermittelte. Angstfrei verwickelten sie mich. Ich fand keinen besonderen Gefallen an ihnen, aber das Gefühl mit dem Fremden auf der Straße zu sein, rettete meine Nacht gewissermaßen.
Der Krausnickpark in Mitte wird von einer seltsam intimen Atmosphäre beherrscht, da er rundherum von Wohnhäusern umschlossen wird. Er liegt geschützt in einer Mauer aus privaten Leben, die in ihrer beleuchteten Gesamtheit begehrlich wirken. Auf den Wiesen rennen dicke, flauschige Hasen herum und kleine halbnackte, langhaarige Kinder. Die Eltern kennen sich in einem ähnlichen Verhältnis wie die Menschen am Kottbusser Tor. Jeder Eindringling wird begutachtet ob er der Ordnung Schaden zufügen könnte. “Behalten Sie mich ruhig im Auge.” Die geheime Schönheit offenbart sich jedoch nur für die diejenigen, die dem Treiben eigentlich nicht angehören.
Besonders stark spürt man den Trieb zur Rudelbildung mittlerweile um den Rosenthaler Platz herum. Immer mehr Penner campieren dort, und die jungen Banden schmiegen sich aneinander vorbei und zusammen.
Text > Julia Zange
Fotos > Julia Zange, shot with Nokia Nseries, processed with Poladroid